Fokus
Industriestandort gemeinsam sichern
Die Industriestandort Deutschland steht vor strukturellen Herausforderungen. Den Kopf in den Sand zu stecken, wäre die falsche Entscheidung. Besser Fragen stellen: Was können und müssen wir ändern? Und Antworten finden: In der Politik, in der Gesellschaft, in der Wirtschaft – am besten auch vor Ort in Lippe und zwar gemeinsam. Vorschläge dazu macht die IHK in einem neuen Positionspapier.
43.000 Lipperinnen und Lipper arbeiteten 2024 im Produzierenden Gewerbe. Das sind 35,7 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Das so ländlich geprägte Lippe ist ein starker Industriestandort in NRW. Die wichtigsten Branchen: Elektrotechnik, Kunststoffverarbeitung und Maschinenbau. Und anders als viele denken: Lippische Unternehmen sind international stark unterwegs. Gut 53 Prozent des Umsatzes werden außerhalb Deutschlands erwirtschaftet.
Doch die Industrie, auch in Lippe, steht unter Druck: Die aktuellen Herausforderungen sind bekannt: Hohe Standortkosten, überbordende Bürokratie, bröckelnde Infrastruktur und zunehmender Fachkräftemangel, globale Handelsstreitigkeiten und kriegerische Konflikte bereiten Probleme. Das zeigen auch die letzten beiden Konjunkturumfragen sowie die aktuelle Standortumfrage der IHK Lippe.
Klagen hilft nicht
Damit Lippe ein starker Industriestandort bleibt, fordert die IHK vor allem die regionalen Akteure in Politik und Verwaltungen auf, alles dafür zu tun, den Industriestandort Lippe zu sichern. Dazu hat die Vollversammlung der IHK Mitte Mai das Positionspapier „Industriestandort Lippe sichern“ beschlossen. Das Positionspapier benennt die zentralen Probleme und die Handlungsbedarfe auf EU- und Bundesebene: Die Regelungsflut muss rasch eingedämmt, unnötige Vorschriften gestrichen, Verfahren beschleunigt und digitalisiert, Energiekosten gesenkt werden. Hier gibt es aus Sicht der IHK aktuell viel Bewegung und erste positive Signale.
„Klagen allein hilft nicht, wir müssen jetzt handeln“, ist Oliver Voßhenrich, Vorsitzender des Industrieausschusses und Mitglied des Präsidiums der IHK, überzeugt. „In unserem Positionspapier machen wir dazu in acht Themenblöcken konkrete Vorschläge.“ Das Positionspapier setze ambitionierte Ziele für 2030, ergänzt Melanie Lehmann, stellvertretende Vorsitzende des Industrieausschusses und ebenfalls Präsidiumsmitglied. „Was und wie es vor Ort passiert, liegt vielfach in den Händen der regionalen Akteure“, betont Lehmann. „Deshalb setzen wir in unserem Papier darauf, was wir vor Ort verändern und verbessern können.“
Verwaltungshandeln:
Kunde im Fokus
„Eine zentrale Grundlage dafür ist aus unserer Sicht“, so Matthias Carl, Geschäftsführer bei der IHK, „Verwaltungsprozesse vom Kunden her zu denken. Wir schlagen einen regelmäßigen Austausch vor, der gegenseitiges Verständnis und Vertrauen schafft.“ Mögliche Themen könnten die konkreten betrieblichen Auswirkungen bürokratischer Anforderungen, Maßnahmen zur Verbesserung und Digitalisierung und Praxistests in einem „Reallabor“ sein. Wichtig sei, so Matthias Carl, dass die Mitarbeitenden in den Verwaltungen dazu ermächtigt werden, vorhandene Ermessensspielräume auch nutzen zu dürfen. Basis könnte ein Leitbild für ein wirtschaftsfreundliches Verwaltungshandeln in Lippe sein.
Energetische Transformation kosteneffizient gestalten
Die IHK-Vollversammlung bekennt sich im Positionspapier zur nachhaltigen Transformation der Energieversorgung. Um den Industriestandort zu erhalten, müsse die Energiewende aber vor dem Hintergrund realistischer Annahmen neu gedacht werden. Im Fokus sollte deshalb die Kosteneffizienz des Gesamtsystems aus Erzeugung, Verteilung und Speicherung stehen. Auf regionaler Ebene empfiehlt die IHK unter anderem eine engere Zusammenarbeit zwischen den Akteuren und den industriellen Verbrauchern, um eine systemintegrierte Planung und Anbindung dezentraler Anlagen zu ermöglichen.
Fokus Bildung und Fachkräfte
Aus Sicht der Wirtschaft muss wieder einer grundlegend positive Haltung zu Arbeit und Leistung erzeugt und gefördert werden. Neben einer modernen Bildungsinfrastruktur wünscht sich die Vollversammlung eine stärkere Integration von Wirtschaftsthemen im Unterricht. Berufsorientierungsmaßnahmen sollten noch besser abgestimmt und lippische Industrieunternehmen aktiv eingebunden werden. Dabei sollten auch die Eltern angesprochen werden. Wichtig seien auch demokratiestärkende Maßnahmen, die den konstruktiven Diskurs unterschiedlicher Meinungen fördern.
Unternehmen selbst gefordert
Das Positionspapier fordert nicht nur die „anderen“ lokalen Akteure zum Handeln auf. „Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen sich die Unternehmen stärker einbringen, wünscht sich Carl. „Zum Beispiel bei der Prüfung von Regelungen in Praxischecks, bei der Hospitation von Verwaltungspersonal oder bei der Gestaltung von Unterrichtseinheiten.“ Und zu guter Letzt: Sollten Politik und Verwaltungen in künftigen Regularien und beim Verwaltungshandeln mehr als bisher auf Vertrauen bauen, müssten die Unternehmen dies durch ihr eigenes Handeln bestätigen.



