Titelthema
Baumaschinen statt Schuhe
In Langenholzhausen ist Jan Willer mit dem gleichnamigen Schuhhaus schon lange am Markt. Sein Vater und sein Opa haben schon Schuhe im Kalletal verkauft. Das Geschäft steht immer noch in der gleichen Kurve, die Kriminellen indes haben längst die Maske abgelegt und sind weitergezogen: ins Internet.
Jan Willer verkauft Schuhe nicht nur im Geschäft an Menschen, die real vorfahren und ein Paar nach dem anderen anprobieren. Er hat sich vor Jahren dazu entschieden, für seine Kunden auch dort sichtbar zu werden, wo die großen Plattformen unterwegs sind. „Ich habe einen Account bei Amazon, Otto und Zalando“, sagt er. Jeden Tag fährt ein Sprinter in Langenholzhausen vor, holt verpackte Schuhe in blechernen Rollcontainern und schiebt bestellte Ware von den großen Herstellern ins Lager. Mit der Veränderung – zu den rund 500 Quadratmetern Verkaufsfläche das weltweite Netz hinzuzunehmen – kamen parallel die Hacker ins Spiel. Willer: „Die Internet-Kriminalität erreicht selbst mich hier im beschaulichen Kalletal. Ich bin dahin gegangen, wo ein Teil meiner Kunden jetzt ebenfalls ist, ins Netz, und die Hacker waren schon längst da.“ Willer hat am eigenen Leib erfahren, wie sorgfältig man im Internet agieren sollte. „Mein Amazon-Account wurde angegriffen. Ich konnte durch eine rechtzeitige Reaktion finanziellen Schaden vermeiden. Ich kenne aber in meiner Branche Kollegen im Bundesgebiet, die nicht immer die Reißleine ziehen konnten“, sagt der Unternehmer.
Willer erinnert sich: „Hacker haben in der Regel ein hohes Wissen, wie Netzwerke aufgebaut sind. Sie verschlüsseln Daten, finden Schlupflöcher im Outlook-System, nutzen Phishingmails und haben immer eine Idee auf Lager, wie Passwörter zu knacken sind.“ In seinem Fall hatte der Hacker eine Amazon-Mail simuliert. Das Ziel: die Übernahme des Amazon-Accounts. Willer: „In so einem Fall gilt es, schnell zu handeln. Was mir gelang. Bei einem Kollegen hatte ein Hacker beispielsweise schon die Produkte, also Schuhe, durch Baumaschinen ersetzt und das Passwort geändert. Das kann am Ende so weit führen, dass man als Händler kurzfristig nicht mehr an seinen eigenen Account kommt.“ Bevor größerer Schaden angerichtet werde, müsse man zwingend wieder die Oberhand über seinen Account gewinnen. Willer: „Die Hacker denken allerdings mit, ahnen, was man tut, und installieren oft Weiterleitungen, können dann auch Mails mitlesen.“
Ein großer Unterschied sei es zudem, ob man in seiner Branche aus einem eigenen OnlineShop verkaufe oder eben über Marktplätze wie Otto, Zalando oder Amazon.
Der Kalletaler kennt sich mittlerweile aus und fasst zusammen: „Ein eigener Online-Shop ist besser gegen Übernahmeangriffe zu sichern als ein Cloud-basiertes System.“ Dass ein eigener IT-Spezialist oder das „Reinfuchsen“ in die Materie notwendig ist, lässt sich noch an einem anderen Aspekt ablesen. Willer: „Ich habe längst verstanden, dass komplexe Passwörter wichtig sind. Mit ‚Willer1234‘ kommen Sie nicht weit. Mittlerweile nutze ich einen sogenannten Passwortmanager. Wenn ich alle Passwörter, die ich im Netz auf Plattformen und im Kontakt mit Lieferanten nutze, zusammenzähle, sind es längst über 100.“ Denn einen Satz hat auch Willer im Kollegenkreis oft gehört: „Jan, es ist heutzutage nicht mehr die Frage, ob dich mal ein Hackerangriff trifft, sondern nur noch, wann …“



