Titelthema
Besser miteinander, nicht gegeneinander!
Vincent Sander (Sander Projekt GmbH, Detmold) und Dr. Marc Vathauer (MSF-Vathauer Antriebstechnik GmbH & Co. KG, Detmold) blicken als Mitglieder der lippischen IHK-Vollversammlung mit Hauptgeschäftsführerin Svenja Jochens zusammen auf die Kommunalwahl. Im Fokus, die Bedeutung für die heimischen Unternehmen: Worauf kommt es zukünftig für einen starken Standort an? Welche Standortfaktoren müssen direkt vor Ort verbessert werden?
IHK: Die IHK Lippe hat vor kurzem ein Positionspapier zum Thema Mobilität verabschiedet. Wie steht es denn um das „Vorankommen“ in Lippe?
Sander (Sa) und Vathauer (Va) gemeinsam: Nicht gut,
so ehrlich müssen wir sein.
Sa: Mit der Bahn ist es in den letzten Jahren schlechter, nicht besser geworden und an den Straßen wird zwar gebaut – aber es dauert und ein Plan ist nicht immer zu erkennen.
Va: Das markiert keinen Standortvorteil für unsere Wirtschaft. Für Arbeitgeber ist es eine zusätzliche Herausforderung, nicht nur gute Mitarbeiter zu finden, sondern diese auch davon zu überzeugen, nach Lippe zu kommen oder hier zu bleiben. Darüber hinaus fahren Busse in Detmold nicht pünktlich oder fallen aus. Das ist sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer mehr als unbefriedigend und ein klarer Standortnachteil gegenüber anderen Wirtschaftsregionen.
IHK: Also ein klarer Auftrag an unsere Kommunalpolitik?
Va: Definitiv. Es muss Struktur und Realismus in die Projekte gebracht werden, es braucht eine klare und kommunizierte Idee, wie wir in Lippe vorankommen wollen. Außerdem muss die öffentliche Hand die Finanzierbarkeit gewährleisten.
Sa: Und dann müssen die Maßnahmen auch umgesetzt werden, schnell und unbürokratisch. Als Wirtschaft stehen wir gerne bereit, konkret bei Plänen anzupacken und mitzuwirken.
IHK: Baupläne und Genehmigungsverfahren sind also ein Folge-Problem?
Sa: Das ist die Wahrheit, nicht nur bei Straßen. Unsere kommunalen Bau- und Genehmigungsverfahren dauern schlicht zu lange. Da ist wenig digital, vereinheitlicht, serviceorientiert. Das können wir uns aber nicht länger leisten, wir benötigen ein Umdenken hin zu mehr Ermöglichung. Mutig sein, Entscheidungen treffen und Freiräume schaffen und nutzen.
Va: Ermöglichung ist gut. Es geht doch im Grunde darum, dass die Verwaltungsmitarbeiter den gesetzlichen Ermessensspielraum auch auf kommunaler Ebene nutzen. Das gilt sowohl für den Kreis als auch für die Rathäuser. Darüber hinaus müssen meines Erachtens Verwaltungsprozesse neu gedacht und verschlankt werden, wie in Unternehmen auch. Nur so kann man sich dem Wettbewerb stellen und im Wettbewerb gewinnen.
IHK: Wir streifen das Thema Bürokratie. Was kann die kommunale Ebene angehen?
Va: Es sind oftmals kleine Schritte, die sofort helfen: mehr einheitliche, digitale Verfahren in den Rathäusern, Überprüfung von Doppelstrukturen. Wir müssen in den Verwaltungen Ressourcen „freischaufeln“.
Sa: Außerdem muss unsere Kommunalpolitik stark gegenüber Bund und Land auftreten. Ich denke nicht, dass wir so viele Beauftragte und Statistiken wirklich brauchen. Teilweise beschäftigen wir Leute fast 100 Prozent damit, amtliche Vorgaben nachzuhalten. Kontrolle in einer Sozialen Marktwirtschaft ist gut, aber die Idee hinter unserem Wirtschaftssystem beruht auf Vertrauen gegenüber den Unternehmen. Da müssen wir wieder hin.
Va: Wahrscheinlich benötigt es dazu auch externe Blicke. So machen wir es in unseren Unternehmen auch: Frischer Wind von außen hilft, gewohnte Prozesse neu zudenken.
Sa: Hier und da kann in unseren lippischen Verwaltungen sicherlich ein externer Blick aus der Wirtschaft nicht schaden. Auch wenn es darum geht, Strukturen zu verschlanken und Prozesse lösungsorientiert zu gestalten.
IHK: Ein Fazit haben wir schon mal: der verstärkte Dialog zwischen Wirtschaft und Verwaltung. Mit der Wahl rückt auch das Thema Kommunalfinanzen in den Vordergrund. Die Gewerbesteuerhebesätze in Lippe unterscheiden sich ja…
Va: Es ist ein Entscheidungskriterium. Logischerweise müssen sich Kommunen finanzieren, aber bei steigenden Hebesätzen erwarten wir Unternehmen, dass wir dafür auch etwas bekommen, bspw. gute Infrastruktur. Die Einnahmen gehören richtig priorisiert, da ist die Kluft zwischen Anspruch und Realität zu groß.
Sa: Es ist doch so: Wir Firmen müssen haushalten und das erwarten wir auch zu Recht von Politik und Verwaltung. Realismus in den kommunalen Haushalten ist notwendig und bedeutet, Priorisierungen für einen Standort zu hinterfragen und neu zu denken.
IHK: Auch, wenn es um Flächen und Gewerbegebiete geht? Gibt es in Lippe genug?
Sa: Das ist von Kommune zu Kommune unterschiedlich, aber Flächen sind ein Thema. Wirtschaft muss irgendwo physisch sein. Unternehmen benötigen den notwendigen Raum für wirtschaftliche Entwicklung. Die Kommunen müssen konsequenter als bisher an der Sicherung und Entwicklung von Wirtschaftsflächen arbeiten, damit Betriebe wachsen und investieren können.
Va: Und Kritik dann auch mal aushalten. Man sollte nicht immer nur auf die Wenigen hören, die sofort aus Reflex laut schreien, wenn es um Neu-Ansiedlungen oder Erweiterungen oder neue Gewerbegebiete geht. Von der Politik erwarten wir, dass sich der Landrat oder -rätin und Bürgermeister für Betriebe am Standort positionieren. Es geht – und da schließt sich der Kreis – um Steuern und Arbeitsplätze direkt vor Ort. Da ist Führung pro Unternehmertum gefragt. In diesem Zusammenhang ist es ebenso von entscheidender Bedeutung, dass der Begriff Unternehmertum wieder ein positives Bild in der Gesellschaft einnimmt.
Sa: Sowie ein gerader Rücken für Standortmarketing. Man fühlt sich als Unternehmer wertgeschätzt, wenn Politik und Verwaltung praxisnahe Lösungen aufzeigen – und keine zusätzlichen Hürden.
Va: Zumal Flächenplanungen direkt in den Kommunen geschehen. Dies erfordert nun mal auch eine engere Zusammenarbeit mit Immobilienentwicklern, Wirtschaftsförderung und den lokalen Unternehmen und eine strategische Nutzung vorhandener Flächen.
IHK: Die lippischen Unternehmen stehen insbesondere hinsichtlich des Fachkräftemangels vor großen Herausforderungen, das zeigen die regionalen Zahlen der IHK Lippe. Der neu aufgelegte Fachkräftemonitor NRW zeigt, wie dramatisch sich der Fachkräftemangel in den kommenden Jahren zuspitzen wird. Allein im Kreis Lippe werden bis 2035 fast 10.000 Fachkräfte fehlen. Welche Rollen spielen hier die Berufskollegs? Gibt es Handlungsbedarf?
Va: Ja, mehr als nur Handlungsbedarf! Ich höre wenig Gutes über den baulichen Zustand, Investitionen sind notwendig. Schließlich geht es darum, dass wir die hervorragende duale Ausbildung auch weiterhin hier vor Ort mit unseren Azubis realisieren können.
Sa: Wir hatten schon das Thema Erreichbarkeiten. Leistungsstarke Berufskollegs vor Ort sind eine spürbare Erleichterung bei der Gewinnung der Fachkräfte. Hier erwarten wir als IHK-Vollversammlung einen starken Plan für die Zukunft und gegen Investitionsstaus.
IHK: Ein Schlusswort für das Interview: Was erwarten Sie nach den Wahlen im September?
Va: Verbindlichkeit, pro Unternehmertum und Kontaktaufbau in die Verwaltung für lösungsorientierte Antworten. Denn auch ein Lösungsansatz aus der Wirtschaft kann für eine Verwaltung nützlich sein. Hier stehen viele Unternehmer sicherlich gerne für einen Austausch und konkrete Vorschläge zur Verfügung.
Sa: Den steten Dialog zu uns Unternehmen. Wir kommen gerne mit unserer örtlichen Politik und Verwaltung ins Gespräch, unsere Türen sind nicht zu. Miteinander geht vieles besser als gegeneinander.
Va: Und genau das macht doch unsere IHK stark in Lippe. Wir sind vernetzt und bündeln Interessen. Wir sind in der Wirtschaft nicht die Bösen.
Sa: Nein, im Gegenteil. Unternehmertum ist gut und macht Spaß!
Sa und Va: Und wir wollen hier in Lippe unternehmen!
IHK: Vielen Dank für die Zeit und das Gespräch. Dann blicken wir gespannt auf den 14.09. und den Ausgang der Wahl. Die Spielfelder für den Wirtschaftsstandort Lippe sind klar.
Durch das Gespräch führten für die IHK Lippe Svenja Jochens und Hinrich Schwarze.



