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Die Baustoffe der Vergangenheit können die Baustoffe der Zukunft sein. Bei Martin Blöcher sind sie es längst. Holz, Lehm, Kalk, Stein gehören zu den Materialien, die Jahrhunderte überdauern und die ein Wohnen mit gutem Gewissen ermöglichen. Martin Blöcher lebt Nachhaltigkeit. Der 62-Jährige möchte bewahren, was erhaltenswert ist. Gleichzeitig liebt er die Transformation.
„Es gibt Leute, die halten mich für einen Messie“, weiß der Lemgoer und blickt auf sein Sammelsurium an historischen Baustoffen an der Alten Ziegelei in Entrup. „Mit den vorhandenen Materialien könnte ich spontan ein Schloss bauen“, verrät er grinsend. Dabei suche er nicht nach antiken Werkstoffen. „Die kommen zu mir, weil die Leute sie loswerden wollen. Ich bringe sie in den Kreislauf zurück.“
Martin Blöcher hat sich einen Namen als kompetenter Gutachter alter Häuser gemacht. Er gibt Expertisen, sieht mit geschultem Auge, was erhaltenswert ist und was nicht. Auch wenn rein rechtlich ein Großteil der Abbruchabfälle auf der Baustelle getrennt gesammelt werden muss, „werden leider immer noch zu oft Gebäude abgerissen, ohne die Rohstoffe zu bergen. Alles muss schnell gehen“, bedauert der Unternehmer.
Nachhaltigkeit bedeute auch Langsamkeit. Zu überlegen, wie man sinnvoll mit Ressourcen umgehen kann. „Vielen Menschen fehlen dafür aber Mut und Fantasie“, hat Blöcher beobachtet. An beidem mangelt es dem gelernten Landwirtschaftlichen Gehilfen nicht.
Als Martin Blöcher im Jahr 1978 sein Abitur abgelegt hat, habe ihn der Direktor gefragt, was er werden wolle. „Bauer“, lautete die Antwort. Inzwischen kann man von „Er-Bauer“ sprechen. Er baut aus alten Gebäuden neue, aus geretteten Materialien schmucke Gartenoder Tiny-Häuser, aus antiken Rohstoffen moderne Möbel und schenkt selbst rostigen Ölfässer ein neues Leben. „Mit diesen Fässern haben früher Flüchtlinge einen Dachstuhl isoliert. Wir haben sie geborgen und damit zum Beispiel die Theke eines angesagten Restaurants aufgehübscht, Blechdächer sowie eine eigene mobile `Schrott`- Bar gebaut“, so der Träger des Bundes-Recyclingpreises. „Den habe ich im Jahr 1997 bekommen, als ich drei Häuser aus der Jahrhundertwende zurückgebaut und als Recyclinghaus neu aufgebaut habe“, erinnert sich Martin Blöcher gerne.
Wegen des Gebäudeenergiegesetzes sei so etwas heute kaum machbar. Bei Wohnhäusern sei es darum schwierig, die Außenfassade „Second-Hand“ zu gestalten. Doch bei temporär genutzten Nebengebäuden wie Garten- oder Tiny-Häusern lasse die Wärmeschutzregelung entsprechenden Spielraum. „Im Innenbereich ist dagegen alles möglich“, schwärmt Martin Blöcher von einem seiner Projekte. Ein modernes Holzrahmenhaus, das mit alten Terrakottaplatten, Kalk- und Bruchsteinen punktet. Wo aus alten Scheunen-Toren begehbare Schrankwände geworden sind und antike Eichenstufen den Weg durch die Fichten-Kassettentür leiten.
Der Vater von fünf erwachsenen Kindern lebt selbst in einem Haus mit Geschichte. Auffällig an der von ihm reaktivierten Ziegler-Stätte ist das knallblaue Eingangstor. „Blau steht für Erneuerung“, verrät Martin Blöcher, dass er visuell seine BauEingriffe verdeutlicht. Draußen vor der Tür steht nicht nur die von ihm entworfene Bank für Freunde aus Sandstein mit Eiche, sondern auch ein Tisch aus Tropenholz, dessen Bretter vor über 100 Jahren als Brückenschwellen gedient haben. „Das ist ein Möbel für die Ewigkeit.“ Wenige Meter weiter hat Blöcher in einer Mauer Steine aus einem Schloss in Höxter verbaut, die nachweislich über 500 Jahre alt sind. Ohne Zement, sondern im „Zyklopensystem“. Weniger ist mehr, das gilt für Martin Blöcher auch für Hilfsmaterialien wie Schrauben und Nägel. „Nach den Kriegen waren es die Fachwerk- und Lehmhäuser, die noch standen“, nennt er den besten Beweis, warum man Gebäude „beweglich“ errichten sollte, anstatt alle Elemente starr zu verankern.
Martin Blöcher bedauert, dass in neuen Häuser häufig auf nicht recycelbare Stoffe zurückgegriffen werde. Doch er erkenne Tendenzen, nachhaltiger bauen zu wollen. „Es gibt gute Ansätze“, verweist Martin Blöcher auf ein aktuelles Projekt des Fraunhofer-Instituts für Holzforschung, bei dem Holzwerkplatten aus Altholz in Verbindung mit Leim hergestellt werden, der aus dem Milchprotein Casein gewonnen wird. Dieser Klebstoff wurde schon im alten Ägypten für den Möbel- und Bootsbau verwendet. Auch die Tatsache, dass Holz als Alternative für Beton in der Architektur immer beliebter wird und bei Firmen-Gebäuden zumindest mit alten Elementen „gespielt“ wird“, freut Martin Blöcher sehr. „Historische Baustoffe kitzeln die Seele. Sie sorgen für Gemütlichkeit und Ruhe. An diesen Orten werden Verträge unterzeichnet“, ist er überzeugt.



