Titelthema
Wie ein Marathonlauf
Warum Berichtspflichten allein keine Transformation bewirken, wie wichtig Veränderungsbereitschaft ist und wie Weidmüller Schritt für Schritt echte Kreisläufe schaffen will, erklärt Mark Edler, Vice President Corporate Sustainability, im Gespräch mit IHK-Geschäftsführer Matthias Carl. Das Ziel: Wirtschaftliche Lösungen statt teurer Leuchttürme.
IHK: Trump, Wirtschaftskrise, Omnibus …? Ist der Nachhaltigkeits-Hype vorbei?
Edler: Was die Nachhaltigkeitsberichterstattung angeht, sicherlich: Die „Omnibus“- Erleichterungen senken den Druck in den Unternehmen erheblich. Leider hat unter dem Hin und Her auch die notwendige echte Transformation gelitten.
IHK: Warum das?
Edler: Transparenz allein bewirkt keine Transformation. Wer so viel Zeit für Kennzahlen verwendet, hat keine Ressourcen für echte Veränderungen. Die EU ist hier viel zu ambitioniert gestartet. Besser wären kleine Schritte gewesen. Man trainiert ja auch nicht für einen Marathon und läuft sofort 42 Kilometer.
IHK: Läuft Weidmüller den Marathon weiter?
Edler: Ja, aber mit klarem Fokus. Berichtspflichten erfüllen wir, weil es Pflicht ist. Hierin sehen wir aber nur die Basis. Unser Herzblut steckt in echten Veränderungen. Wir wollen Prozesse und Produkte umgestalten, damit sie weniger CO2 verursachen und mehr Zirkularität ermöglichen.
IHK: Was passiert konkret bei Ihnen?
Edler: Ein Schwerpunkt ist Circular Economy. Hier liegen die größten Hebel für CO2-, Ressourcen- und Kosteneinsparungen. Wo technisch machbar, setzen wir zum Beispiel Edelstahl statt Kupfer ein. Das verursacht weniger CO2 und ist günstiger. Viel Potenzial gibt es auch bei Kunststoffen.
IHK: Wie gehen Sie konkret vor?
Edler: Ganz pragmatisch: Zuerst nutzen wir eigene Produktionsabfälle. Das ist einfach, spart Kosten und wir lernen dabei. Wir starten mit dem besten Recyclingmaterial für einfache Produkte und steigern Schritt für Schritt die Komplexität. So bauen wir Know-how auf, bevor wir größere Kreislaufprojekte starten.
IHK: Gibt es schon Ergebnisse?
Edler: Wir haben Produkte, die zu 100 Prozent aus Recycling-Kunststoff bestehen – ohne Qualitätsverlust. Das Material stammt aus unserer eigenen Produktion. Unser Ziel: Wirtschaftliche Lösungen. Nachhaltigkeit muss sich rechnen, sonst schläft das Thema ein, sobald der Druck nachlässt.
IHK: Was sind Ihre nächsten großen Schritte?
Edler: Wir wollen langfristig Materialien aus gebrauchten Produkten wiederverwenden. Das ist viel komplexer als Produktionsabfälle in den Prozess zurückzuführen. Dazu müssen wir lernen, wie wir die Materialien sortenrein zurückgewinnen können. Schreddern geht nicht, weil Metallpartikel den Kunststoff verunreinigen. Wir denken aktuell über die automatisierte Zerlegung von Bauteilen nach. Erste Konzepte zeigen, dass sich das schnell rechnet.
IHK: Lohnt sich der Aufwand wirklich?
Edler: Absolut! Ein Beispiel: Hochwertige Kunststoffe wie Polyamid PA66 sind neu sehr teuer. Wenn man sie zurückgewinnt, liegen die Kosten deutlich niedriger – dadurch entsteht eine spürbare Ersparnis, die den Aufwand mehr als rechtfertigt.
IHK: Materialvielfalt erschwert die Trennung. Packen Sie das auch an?
Edler: Bei Metallen ja. Die Zahl der Legierungen haben wir halbiert. Jetzt sammeln wir 30 Legierungen getrennt. Daraus folgt eine neue Erkenntnis: Wenn wir heute neue Fabriken planen, denken wir die Flächen für Zirkularität mit.
IHK: Wo sehen Sie bei der Transformation die größten Herausforderungen?
Edler: Erstens: die fehlende Veränderungsbereitschaft. Die Skepsis überwiegt, vor allem weil man bewährte Prozesse und Produkte anpacken muss. Dafür brauchen wir Promotoren, Menschen mit Begeisterung und Strahlkraft, die das Thema aktiv vorantreiben. Und Erfolge, die zeigen, dass Nachhaltigkeit machbar und wirtschaftlich ist! Zweitens: Daten. Unsere Systeme sind für eine lineare Wertschöpfung aufgebaut. Für echte Kreisläufe brauchen wir andere Daten, etwa zu Abfällen oder Lebenszyklen von Produkten.
IHK: Kann der digitale Produktpass die Datenlücke schließen?
Edler: Grundsätzlich ja, aber nicht weit genug. Der Pass ist eine Momentaufnahme beim Inverkehrbringen. Wenn sich Regeln ändern, reichen die Daten oft nicht mehr aus. Der digitale Produktpass wird nur helfen, wenn er einfach nutzbar ist, echten Mehrwert bringt und bestehende Informations- und Berichtspflichten ablöst. Und im besten Fall als digitaler Zwilling angelegt ist.
IHK: Wie bereiten Sie sich vor?
Edler: Wir arbeiten an Vollmaterial-Deklarationen und erfassen nicht nur regulierte Stoffe, sondern alle Materialien. So können wir bei neuen Vorschriften nachträglich reagieren. Das ist komplex, aber schafft echte Transparenz und Zukunftssicherheit.
IHK: Es gibt also viel zu tun! Wo sehen Sie Ihre Nachhaltigkeitsabteilung in fünf Jahren?
Edler: Dann gibt es uns nicht mehr, weil Nachhaltigkeit in allen Prozessen und abteilungsübergreifend automatisch mitgedacht wird. Spaß beiseite: In fünf Jahren wohl noch wie heute, aber den Anspruch, das Thema wie selbstverständlich in allen Prozessen zu verankern, haben wir.
IHK: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Edler: Von der Politik weniger Regulierung und mehr Freiraum für Innovation, für echte Lösungen. Nachhaltigkeit geht nach unserem Verständnis nur über technologische Innovationen. Von der Wirtschaft und Gesellschaft wünschen wir uns ein Klima für positive Veränderung und wieder mehr Hunger auf das „Machen wollen“!



