Lippe Wissen und Wirtschaft

Titelthema - Leitartikel

„Wirtschaftsklima“ – 1 Jahr nach der Bundestagswahl

März 2026: Die Aufbruchstimmung nach dem Regierungswechsel im Mai 2025 ist einer pragmatischen Nüchternheit gewichen. Wir ziehen Bilanz: Was hat sich seither bewegt? Wo spüren die Betriebe in Lippe Entlastung und wo droht der Standort Deutschland den Anschluss zu verlieren? Denn ein Jahr nach der Bildung der neuen Bundesregierung steht die deutsche Wirtschaft an einem Scheideweg. Während erste Reformen wie die Senkung der Stromsteuer langsam auf dem Weg sind, bleibt die Lage in Lippe und bundesweit insgesamt fragil. Ein tiefer Blick auf Kennzahlen, Trends und den dringenden Handlungsbedarf ermöglicht eine „Zwischenbilanz“ – und eine Antwort auf die Frage, wo wir eigentlich stehen…

Die konjunkturelle Gemengelage: Zähe Erholung

Die nackten Zahlen zeigen ein diffuses Bild. Nach der Stagnation der Vorjahre ist das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2025 lediglich um moderate 0,1 Prozent gewachsen. Für das laufende Jahr 2026 prognostizieren Wirtschaftsforscher ein Plus von etwa 1,0 Prozent – ein Silberstreif, aber noch kein dynamischer Aufschwung. Besonders die gesunkene Inflationsrate, die sich Anfang 2026 bei ca. 2,0 Prozent stabilisiert hat, sorgt für eine leichte Entspannung bei den Konsumausgaben.

Doch für den lippischen Mittelstand bleibt die Lage komplex. Laut der jüngsten DIHK-Konjunkturumfrage für ganz Deutschland vom Jahresbeginn 2026 bewerten bundesweit nur noch 25 Prozent der Betriebe ihre aktuelle Geschäftslage als „gut“, während fast ebenso viele (24 Prozent) von einer schlechten Lage berichten.

Investitionsstau und Exportstress

Ein kritischer Punkt der Bilanz ist die Investitionstätigkeit. Die Bruttoanlageinvestitionen in Ausrüstungen (Maschinen und Geräte) sanken im Jahr 2025 preisbereinigt um 3,3 Prozent – das vierte Minusjahr in Folge. Im Maschinenbau, einem Herzstück der Wirtschaft, rechnen Managerinnen und Manager für 2025 mit einem Umsatzminus von durchschnittlich 3,7 Prozent.

Besorgniserregend ist zudem der Außenhandel: Während die Importe steigen, brachen die Exporte in wichtige Märkte wie China 2025 um fast 12  Prozent ein. Die geopolitischen Unsicherheiten und die US-Zollpolitik wirken hier als massive Bremsklötze. Die aktuelle Krise in Nah-Ost noch nicht mit eingerechnet…

Der „Herbst der Reformen“: Weichenstellung oder Stückwerk?

Unter dem Schlagwort der „Wirtschaftswende“ hat die Bundesregierung seit September 2025 deshalb ein Maßnahmenpaket geschnürt, das die strukturellen Defizite des Standorts Deutschland adressieren soll.

1. Steuerliche Impulse und Investitionsanreize

Ein Kernstück ist das Wachstumschancengesetz II, das im Herbst 2025 verabschiedet wurde. Es weitete die steuerliche Forschungsförderung aus und führte eine verbesserte degressive Abschreibung (AfA) für bewegliche Wirtschaftsgüter ein.

Der Effekt: Unternehmen können Investitionen in moderne Maschinenparks schneller steuerlich geltend machen. Für den lippischen Maschinenbau ein wichtiges Signal.

2. Die Strompreis-Strategie: Entlastung an der Basis

Die Absenkung der Stromsteuer auf den EU-Mindestsatz von 0,50 Euro pro Megawattstunde für das produzierende Gewerbe ist seit Januar 2026 in Kraft.
Die Realität: Während dies für energieintensive Betriebe in Lippe eine spürbare Entlastung darstellt, bleiben die Netzentgelte aufgrund des schleppenden Trassenausbaus hoch. Der durchschnittliche Industriestrompreis (inkl. Steuern und Umlagen) liegt Anfang 2026 bei ca. 16 Cent/kWh – im internationalen Vergleich (USA: ca. 7–8 Cent) weiterhin ein Wettbewerbsnachteil.

3. Bürokratieabbau-Gesetz IV (BEG IV) und „Praxis-Check“

Die Bundesregierung hat mit dem BEG IV die Aufbewahrungsfristen für Buchungsbelege von zehn auf acht Jahre verkürzt und die Hotelmeldeschein-Pflicht für Deutsche abgeschafft.

Kritik der IHK: Das Ziel, die jährliche Bürokratielast um 3 Milliarden Euro zu senken, ist ehrgeizig. Doch neue EU-Vorgaben wie die verschärfte Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) konterkarieren diese Bemühungen oft.

4. Arbeitsmarkt-Transformation: „Aktivrente“ und Zuwanderung

Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, wurden zum 1. Januar 2026 die Hinzuverdienstgrenzen für Rentner faktisch abgeschafft und Arbeitgeberanteile zur Renten- und Arbeitslosenversicherung bei Weiterbeschäftigung über die Regelaltersgrenze hinaus als Auszahlung an den Arbeitnehmer ermöglicht („Renten-Booster“).

Lippe im Fokus: In unserer Region, die durch die G9-Umstellung (Abiturientenlücke 2026) bald kaum Nachwuchs aus den Schulen erhält, ist die Reaktivierung erfahrener Fachkräfte lebensnotwendig.

Standort Lippe: Vertrauen als wichtigste Währung

Woran fehlt es? Die Antwort der lippischen Wirtschaft ist eindeutig: Planungssicherheit und Vertrauen in die Unternehmerschaft – was auch so gegenüber der Politik vertreten wird. Die Zwischenbilanz nach einem Jahr zeigt: Die neue Regierung hat die Probleme erkannt, aber die Umsetzung in der Breite kommt zu langsam in den Betrieben an. 2026 hat das Potenzial für einen echten Aufbruch, wenn die Politik den Fokus von der Krisenverwaltung hin zu einer echten Wachstumspolitik verschiebt. Die Unternehmen in Lippe stehen bereit – jetzt muss der Staat die Fesseln lösen.


Autor: 

Hinrich Schwarze, IHK Lippe

   

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