Fokus
Abitur & Ausbildung – Zwischen Anspruch und Realität
Es beginnt nicht mit einer Zahl. Es beginnt mit einer Erwartung: Abitur – und dann?
Über Jahre hinweg haben wir ein klares Signal gesendet: Der vermeintlich beste Weg führt über das Abitur direkt in ein Studium. Dieses Narrativ hat gewirkt – aber es hat auch Schieflagen erzeugt, die wir heute deutlich spüren.
Denn während immer mehr junge Menschen das Abitur erreichen, bleiben gleichzeitig Ausbildungsplätze unbesetzt. Auch in Lippe zeigt sich dieses Bild sehr klar. Das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis eines Systems, das über Jahre einseitig gesteuert wurde – mit guten Absichten, aber spürbaren Nebenwirkungen.
Die unbequeme Wahrheit
Wir müssen es klar benennen: Das Abitur ist kein Qualitätsversprechen für Ausbildungsreife.
Viele Betriebe berichten nicht von einem Mangel an Schulabschlüssen, sondern von Defiziten bei den Berufseinstiegskompetenzen. Gemeint sind damit nicht nur fachliche Grundlagen in Sprache, Mathematik und naturwissenschaftlichem Verständnis, sondern ebenso überfachliche Kompetenzen – oder klarer gesagt: Sekundärtugenden wie Verlässlichkeit, Einsatzbereitschaft und Eigenverantwortung.
Das ist keine Kritik an einer Generation. Es ist eine Kritik an den Rahmenbedingungen, die wir geschaffen haben.
Wir haben jungen Menschen suggeriert, dass der akademische Weg grundsätzlich überlegen ist. Gleichzeitig haben wir die duale Ausbildung kommunikativ geschwächt – oft ungewollt, aber wirksam. Berufsorientierung kommt häufig zu spät, zu theoretisch und zu wenig verbindlich.
Der Preis dieser Entwicklung
Die Folgen sind konkret und messbar. Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt, Betriebe ziehen sich teilweise aus der Ausbildung zurück und Fachkräfte fehlen – heute und in Zukunft.
Gleichzeitig entsteht ein Überhang in akademischen Bildungswegen, der nicht immer zu stabilen Beschäftigungsperspektiven führt. Studienabbrüche, Umorientierungen und Frustration sind keine Randphänomene mehr.
Das ist volkswirtschaftlich ineffizient – und für viele junge Menschen persönlich ein Umweg, der vermeidbar gewesen wäre.
Ausbildung ist kein Plan B – und war es nie
Die duale Ausbildung ist ein Erfolgsmodell. Sie verbindet Praxis und Theorie, sichert Fachkräfte und ermöglicht Aufstieg – bis hin zum Bachelor Professional, Master Professional oder in die Unternehmensnachfolge oder -gründung.
Und sie ist anspruchsvoll.
Wer heute eine Ausbildung erfolgreich durchläuft, übernimmt Verantwortung, entwickelt Kompetenzen und schafft Wertschöpfung – vom ersten Tag an.
Gerade Abiturientinnen und Abiturienten bringen dafür beste Voraussetzungen mit. Umso unverständlicher ist es, dass dieser Weg oft gar nicht ernsthaft geprüft wird. Hier liegt ein enormes, bislang nicht ausgeschöpftes Potenzial.
Der Kipppunkt ist erreicht
Mit der Rückkehr zu G9 verschärft sich die Lage weiter. Der Abiturjahrgang 2026 wird deutlich kleiner ausfallen. Landesweit fehlen zehntausende potenzielle Nachwuchskräfte.
Das bedeutet weniger Bewerber, mehr Wettbewerb um Talente und steigenden Druck auf Betriebe.
Für viele Unternehmen wird es zunehmend zur strategischen Frage, ob und wie Ausbildung überhaupt noch aufrechterhalten werden kann. Wir stehen an einem Kipppunkt. Die Zeit für strukturelle Korrekturen ist jetzt.
Was jetzt passieren muss
Es reicht nicht, über Attraktivität der Ausbildung zu sprechen. Wir brauchen konkrete Veränderungen.
Berufliche und akademische Bildung müssen nicht nur formal, sondern auch gesellschaftlich gleichwertig gedacht und kommuniziert werden.
Berufsorientierung muss früher ansetzen, verbindlicher werden und deutlich stärker auf praktische Einblicke in Betriebe setzen.
Gleichzeitig müssen Grundkompetenzen gestärkt werden, denn ohne stabile Grundlagen scheitern sowohl Studium als auch Ausbildung.
Nicht zuletzt müssen die Berufskollegs als zentrale Infrastruktur der Fachkräftesicherung – insbesondere im ländlichen Raum wie Lippe – deutlich gestärkt werden.
Eine klare Position der Wirtschaft
Eine Ausbildungsabgabe wird diese Probleme nicht lösen. Sie setzt am falschen Punkt an und verkennt die Ursachen.
Wir brauchen keine zusätzlichen Belastungen für Betriebe, sondern bessere Rahmenbedingungen. Dazu gehören verlässliche Bildungsbiografien, weniger Brüche im Übergang von der Schule in den Beruf sowie ein deutlich stärkerer Praxisbezug.
Strafen lösen keine Probleme. Gute Strukturen und klare Verantwortlichkeiten schon.
Schlussgedanke
Es fehlt nicht am Abitur. Es fehlt an Berufseinstiegskompetenzen – an soliden Grundlagen ebenso wie an Sekundärtugenden.
Das Abitur ist kein Ziel. Es ist eine Weggabelung.
Wer alle Möglichkeiten hat, trägt auch Verantwortung für die richtige Entscheidung – für sich selbst, aber auch für die Gesellschaft.
Die duale Ausbildung ist eine dieser Möglichkeiten. Eine starke. Eine tragfähige. Eine, die wir wieder deutlich stärker in den Mittelpunkt rücken müssen – gerade bei denen, die sie sich leisten können, sie zu wählen.
Autor: Martin Raithel, Abteilungsleiter Aus- und Weiterbildung | Fachkräfte, IHK Lippe



