Titelthema - Leitartikel
Zu Gast an lippischen Tischen
Gastfreundschaft hat in Lippe eine lange Tradition. Seit Generationen prägen Hotels, Gasthöfe, Cafés, Restaurants und Pensionen das Gesicht der Region. Die historischen Heilbäder Bad Salzuflen und Horn-Bad Meinberg, familiengeführte Betriebe im ländlichen Raum, moderne Tagungshotels und eine vielfältige Gastronomieszene sind Teil einer Gastgeberkultur, die weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt ist.
Dabei befindet sich die Branche in einem tiefgreifenden Wandel. Neue Gästebedürfnisse, Digitalisierung, Fachkräftemangel und veränderte Reisegewohnheiten verändern die Rahmenbedingungen nachhaltig. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich die lippische Tourismus- und Gastronomiewirtschaft heute: zwischen Tradition und Moderne.
Das Gastgewerbe ist weit mehr als ein Freizeit- oder Servicethema. Dazu gehören insgesamt rund 1400 lippische Unternehmen, aufgeteilt auf die Unterbranchen Beherbergung und Gastronomie. Das Gastgewerbe ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für die Region – in Lippe und der ganzen Destination Teutoburger Wald. Hotels, Gastronomie, Freizeit- und Kultureinrichtungen schaffen Arbeitsplätze, generieren Wertschöpfung und tragen wesentlich zur Attraktivität des Wirtschafts- und Lebensstandortes Lippe bei. Besuchende sorgen nicht nur für Umsätze in Beherbergungsbetrieben und Restaurants, sondern auch im Einzelhandel, bei Dienstleistern sowie in Kultur- und Freizeiteinrichtungen.
Die aktuellen Tourismuszahlen unterstreichen die Bedeutung der Branche. Die lippischen Beherbergungsbetriebe mit 10 und mehr Betten konnten 2025 rund 407.886 Gästeankünfte und mehr als 1,62 Millionen Übernachtungen registrieren. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer lag bei 4 Tagen. Insgesamt stehen den Gästen 157 geöffnete Beherbergungsbetriebe mit 8.901 Betten zur Verfügung.
Besonders stark bleibt die Gesundheitsregion Lippe. Allein Bad Salzuflen verzeichnete im vergangenen Jahr rund 799.000 Übernachtungen, Horn-Bad Meinberg weitere rund 345.000. Zusammen stehen die beiden traditionsreichen Heilbäder für den Großteil aller touristischen Übernachtungen im Kreis. Die Gesundheitswirtschaft ist damit weiterhin ein wesentliches Fundament für viele Hotels, gastronomische Betriebe und touristische Dienstleistungen.
Allerdings hat sich das Verständnis von Gesundheitsurlaub deutlich verändert. Die klassische mehrwöchige Kur ist längst nicht mehr das allein prägende Angebot. Gefragt sind heute kürzere Auszeiten, Prävention, Wellness, Bewegung und Entschleunigung. Gesundheit wird zunehmend ganzheitlich verstanden. Erholung, Naturerlebnis, Aktivität und bewusste Ernährung gehören für viele Gäste selbstverständlich zusammen. Von dieser Entwicklung profitiert Lippe mit seinen Kurorten, Gesundheitsangeboten und naturnahen Freizeitmöglichkeiten in besonderem Maße.
Neben der Gesundheitskompetenz besitzt die Region ein zweites starkes touristisches Profil: ihre Lage im Teutoburger Wald. Wandern und Radfahren gehören bundesweit zu den wichtigsten Wachstumsmärkten im Deutschlandtourismus. Mit den Hermannshöhen als Qualitätswanderweg, den Externsteinen, dem Hermannsdenkmal, zahlreichen Rundwanderwegen und attraktiven Radrouten verfügt Lippe über ideale Voraussetzungen, um von diesem Trend zu profitieren.
Die Bedeutung des Natur- und Aktivtourismus wächst stetig. Das Land des Hermann zieht jährlich mehr als 13 Millionen Besuchende an. Viele von ihnen kommen als Tagesgäste, andere verbringen ihren Urlaub in der Region. Für die Gastronomie sind beide Gruppen gleichermaßen wichtig. Ob Ausflugscafé, Biergarten, Restaurant oder Hotelküche – die Gäste von heute erwarten Qualität, Regionalität und authentische Erlebnisse.
Diese Entwicklungen verändern die gesamte Gastgeberlandschaft. Neben traditionellen Gasthäusern und Hotelrestaurants gewinnen Hofcafés, regionale Genussangebote, Direktvermarkter und moderne Gastronomiekonzepte an Bedeutung. Gäste möchten zunehmend wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen und welche Geschichten hinter einem Produkt stehen. Regionale Identität wird damit immer stärker zum Wettbewerbsvorteil.
Auch die internationale Nachfrage entwickelt sich positiv. Rund 32.700 ausländische Gäste besuchten 2025 den Kreis Lippe und sorgten für rund 100.000 Übernachtungen. Die Region profitiert dabei insbesondere von ihrer Lage im Herzen Deutschlands, ihrer guten Erreichbarkeit und den touristischen Themen Gesundheit, Natur und Kultur.
Die Sichtbarkeit im Netz entscheidet heute oft darüber, ob ein Gast ein Hotelzimmer bucht, einen Tisch reserviert oder die Region überhaupt entdeckt. Sichtbarkeit im Internet, professionelle Kommunikation und digitale Dienstleistungen werden zunehmend zum Erfolgsfaktor.
Hinzu kommen wirtschaftliche Herausforderungen. Hohe Energie- und Einkaufskosten sowie der Fachkräftemangel beschäftigen viele Unternehmen. Besonders die Gewinnung und Bindung qualifizierter Mitarbeitender wird zur zentralen Zukunftsaufgabe. Viele Betriebe reagieren mit neuen Arbeitszeitmodellen, Investitionen in Ausbildung und einer stärkeren Digitalisierung von Arbeitsabläufen.
Auch die Struktur der Branche verändert sich. Landesweit ist die Zahl der Beherbergungsbetriebe in den vergangenen zehn Jahren zurückgegangen, während die Zahl der verfügbaren Betten gestiegen ist. Gleichzeitig entstehen insbesondere Ferienwohnungen und Ferienhäuser, während klassische Gasthöfe seltener werden. Die Branche wird insgesamt spezialisierter.
Aber auch der Blick in die Zukunft ist spannend. Die Nachfolgefrage wird für Viele in den kommenden Jahren entscheidend sein. Wo geeignete Nachfolgende gefunden werden, können Traditionen fortgeführt und zugleich neue Impulse gesetzt werden. Für Lippe ergeben sich aber auch große Chancen. Die Region vereint Gesundheitskompetenz, Naturerlebnis, Kultur und Gastfreundschaft auf engem Raum. Viele der aktuellen Trends spielen den bestehenden Stärken direkt in die Karten: der Wunsch nach Erholung, die Sehnsucht nach authentischen Erlebnissen, die Bedeutung regionaler Produkte und die wachsende Nachfrage nach Aktivurlaub in der Natur. Gastgeben in Lippe bedeutet deshalb heute mehr denn je, Bewährtes mit Neuem zu verbinden. Die Tradition der Heilbäder, die familiäre Gastgeberkultur und die regionale Verwurzelung bleiben wichtige Erfolgsfaktoren. Gleichzeitig eröffnen Digitalisierung, neue Tourismusformen und veränderte Gästewünsche Chancen für Innovation und Weiterentwicklung. Genau darin liegt die Stärke der Branche – und ihre Perspektive für die Zukunft.



