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Verkehre vermeiden, aber wie?

Zeit gewinnen und Kosten sparen: Das alles hört sich gut an. ABER: die Rahmenbedingungen müssen passen.Ein großer Teil unserer Mobilität entsteht durch berufsbedingte Wege. Doch nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie hat sich die Arbeitswelt grundlegend verändert. Videokonferenzen und Homeoffice leisten unter anderem einen wichtigen Beitrag, um Verkehr zu vermeiden.

Bei der Ecclesia Gruppe in Detmold, dem größten deutschen Versicherungsmakler für Unternehmen und Institutionen, war mobiles Arbeiten von zuhause schon vor COVID-19 ein Thema. „Wir haben den Prozess dazu bereits vor einigen Jahren begonnen. In den Zeiten der Pandemie haben wir deshalb schnell umschalten können und sehr positive Erfahrungen gesammelt, die uns auch in der Zukunft helfen“, bilanziert Stefan Wölfle, Personalchef der Gruppe. „In sehr kurzer Zeit ist es uns gelungen, mehr als 90 Prozent aller Mitarbeitenden in Deutschland mit der Technik für ein sicheres mobiles Arbeiten von zuhause auszustatten.“ Aktuell hat bei der Ecclesia eine Betriebsvereinbarung zum hybriden Arbeiten die zuvor durch die Pandemiebekämpfung bestimmten Regelungen für mobiles Arbeiten abgelöst. Darin ist festgeschrieben, dass Mitarbeitenden bis zu 50 Prozent ihrer Arbeitszeit mobil erbringen können, sofern beide Seiten damit einverstanden sind und vorausgesetzt, dass die notwendige Internetverbindung sowie der Datenschutz gewährleistet sind. „Wir glauben aber auch weiter an das Büro als Ort des Austausches und des gemeinsamen Arbeitens“, betont Stefan Wölfle.

Das sieht auch Hanno Baumann so. „Wer den Kontakt zu den Kollegen verliert, der verliert auch den Kontakt zum Unternehmen“, warnt der Geschäftsführer der PLANTAG COATINGS Group vor der kompletten Abschaffung von Small-Talk auf dem Flur. Doch in der Unternehmensgruppe sei zumindest das Hin- und Herfahren innerhalb der Standorte dank Videokonferenzen um gut 50 Prozent reduziert worden. „Das spart nicht nur enorm viel Geld, sondern wertvolle Zeit“, freut sich Baumann. Das Detmolder Familienunternehmen agiert weltweit. Indien, Brasilien, China. Auch da können inzwischen Video-Chats den einen oder anderen Flug sinnvoll ersetzen. Wenn es jedoch um wichtige Geschäftsabschlüsse gehe, dann lasse sich ein persönlicher Kundenbesuch nicht vermeiden. „Es kommt immer auf das angebotene Produkt an. Unser Produkt ist sehr erklärungsbedürftig. Das lässt sich nur face-to-face verkaufen. Und anschließend gemeinsam einen Kaffee trinken zu gehen, das funktioniert ebenfalls nicht über Teams oder Zoom“, schmunzelt Hanno Baumann. „Wenn es technische Probleme gibt, dann müssen wir rausfahren und uns die Anlage angucken“, lassen sich aus Sicht des Unternehmers längst nicht alle Fahrten vermeiden.

Bei der Firma MÜLLER Umwelttechnik GmbH & Co. KG hat sich ein ganz individuelles System zur Reduzierung von Kosten und Emissionen entwickelt: Fahrgemeinschaft. „Die haben die Beschäftigten von sich aus organisiert“, berichtet Ludwig Klotzkowski. Der Leiter Personalmanagement spricht von insgesamt 250 Mitarbeitenden im Unternehmen, von denen sich etliche in Kleingruppen ein Auto teilen. „Wenn zwei oder drei Leute im gleichen Dorf wohnen, bietet sich das förmlich an“, freut sich Klotzkowski über die Mitfahrgelegenheiten. Der Personaler sieht darin etliche Vorteile. Nicht nur in Sachen Klimaschutz. „Auch das Betriebsklima profitiert“, weiß Klotzkowski von neu entstanden Kontakten bis hin zu engen Freundschaften. Und wer sich in seinem Arbeitsumfeld zwischenmenschlich wohl fühle, der bleibe in der Regel auch seinem Arbeitgeber treu, ist der Schieder-Schwalenberger sicher. Ob er sich auch einer Fahrgemeinschaft angeschlossen hat? „Nein, ich komme aus dem Ort und habe so einen kurzen Arbeitsweg, dass ich zu Fuß kommen kann“, lacht Ludwig Klotzkowski.

So gar nicht auf Automobilität verzichten können dagegen Firmen wie das Umzugs- und Speditionsunternehmen H.E. Herbst GmbH & Co. mit Hauptsitz in Detmold. Aber Ideen, um Verkehr zu vermeiden, gibt es auch im Güterverkehr- und Transportgewerbe. „Im Zulieferungsverkehr würden wir gerne verstärkt auf Lang-LKW setzen“, spricht Mit-Geschäftsführer Claus-Richard Lange von 25,50 Meter langen Fahrzeugen, die mit drei statt mit zwei Wechselbrücken unterwegs sind und Ladungen entsprechend bündeln können. Doch der Unternehmer ist Realist und weiß, dass sich ökonomisches Fahren in dieser Branche schwierig gestaltet. „Niemand will auf seine Waren warten. Für den Einsatz eines Lang-LKW benötigt man eine Sondergenehmigung und es gibt Bedenken, dass Autobahn-Brücken die Tonnagen gar nicht aushalten“, zählt Lange einige Hindernisse auf. Seine große Hoffnung liege in der Wasserstoff-Alternative. „Es gibt zwar Bemühungen in dieser Richtung, aber es geht nicht richtig vorwärts“, wünscht sich Claus-Richard Lange einen Investitionsschub für die Forschung. „Da ist von 80 Prozent Förderung die Rede. Doch es gibt noch keine entsprechenden Zugfahrzeuge“, bedauert der Detmolder, dass die Rahmenbedingungen noch nicht passen.

 

   

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