Lippe Wissen und Wirtschaft
 

Titelthema

Verkehre verlagern - Mobilitätstrend Fahrrad

Nordrhein-Westfalen ist das Fahrradland Nr. 1 in Deutschland. Das Netz von Radrouten ist landesweit gespannt. Der Drahtesel ist nicht nur Ausdruck eines individuellen, gelassenen und nachhaltigen Lebensstils, sondern wird immer mehr zur Pkw-Alternative.

Mit dem „Aktionsplan zur Förderung der Nahmobilität“ hat das Land Nordrhein-Westfalen den Mobilitätstrend aufgegriffen. NRW verfolgt das Ziel, Nahmobilität, das heißt insbesondere den Rad- und Fußgängerverkehr, gleichwertig neben den öffentlichen Personenverkehr und motorisierten Individualverkehr zu stellen. Von gut ausgebauten und vernetzten, sicher und komfortabel zu befahrenden Radschnellwegen verspricht sich die Landesregierung eine Verlagerung von Berufs- und Ausbildungsverkehr vom Pkw auf das Fahrrad - eine große Kooperationsaufgabe für Land, Regionen und Kommunen. Die Radschnellwege sollen sicher und schnell zu befahren sein und müssen daher – so schreibt es das 2016 geänderte Straßen- und Wegegesetz NRW vor – ähnlichen Ansprüchen wie Landesstraßen genügen.

Das hat Auswirkungen auf die Arbeit von Straßen.NRW. „Um mit Radschnellwegen ein Verlagerungspotential gegenüber dem Kfz-Verkehr zu erreichen, ist eine hohe Qualität der Infrastruktur erforderlich“, berichtet Maximiliane Plöger. Die Pressesprecherin der Regionalniederlassung OWL nennt erforderliche Eckpunkte: „Eine hohe Reisegeschwindigkeit von 20 bis 30 km/h muss ermöglicht werden, bei Einrichtungsradwegen ist eine Breite von drei Metern erforderlich, bei Zweirichtungsradwegen von vier Metern. Standardmäßig ist ein getrennt geführter Gehweg vorzusehen.“ Die Mindestlänge eines Radschnellweges ist mit zehn Kilometern klar definiert.

Die Herausforderung bei der Umsetzung entsprechender Projekte liege darin, dass die unterschiedlichsten Belange mit bedacht werden müssen. „Von der Telekom, die im Planungsgebiet vielleicht ein oder mehrere Kabel liegen hat, über die Ämter für Denkmalschutz oder Archäologie bis hin zu den dort lebenden Menschen, die von dem Bau des Radweges betroffen sind, werden alle gehört und die Wünsche so gut es geht berücksichtigt“, erklärt Maximiliane Plöger. Ein wesentliches Thema und potentielle Schwierigkeit sei der notwendige Grunderwerb. Für zusätzlich versiegelte Flächen müsse zudem ein entsprechender Ausgleich geschaffen werden.

„In Planung ist zurzeit der 50 Kilometer lange RS3 Radschnellweg OWL zwischen Herford und Minden“, so Plöger. In der Machbarkeitsstudie für den RS3 wurden allein die Berufspendler zwischen den Ortschaften entlang der Strecke berücksichtigt. „Wegen der Nähe zu Bielefeld und den dorthin pendelnden Menschen ergeben sich auf der Strecke Bielefeld–Minden 30.000 Pendlerbewegungen pro Tag. Auf dem Fahrrad bewegen sich den Erwartungen nach derzeit knapp 1.100 Radfahrende“, weiß die Öffentlichkeitsreferentin. „Durch den Bau des RS3 werden die Strecken durch die verkürzte Reisezeit und das komfortable Radfahren attraktiver, sodass etwa 2000 radelnde Berufspendler erwartet werden.“ Freizeitfahrten seien hierbei noch nicht mit einbezogen.

Für Lippe ist ein solcher Radschnellweg derzeit nicht in Planung, allerdings gibt es im Rahmen der REGIONALE 2022 das Projekt „Radnetz OWL“, das eine „leistungsfähige Radinfrastruktur“ – auch durch Lippe – umsetzen will. Weiter ist man in Lippe dagegen in Sachen Bürgerradwege. Ein Modellprojekt, welches gemeinschaftlich vom Landesbetrieb Straßenbau NRW, den beteiligten Kommunen und Kreisen sowie mit Unterstützung der Bürgerschaft realisiert wird. „Dabei helfen viele Bürger mit. Sie stellen Grundstücke bereit, spenden Geld oder arbeiten bei dem Projekt selbst mit“, konkretisiert Maximiliane Plöger. Dass dieses Programm ein Erfolg ist, beweisen die über 70 realisierten Maßnahmen mit einer Länge von mehr als 80 Kilometern im Bereich der Regionalniederlassung Ostwestfalen-Lippe. Dieses Jahr konnte der Landesbetrieb erfolgreich vier Vereinbarungen für den Bau von Bürgerradwegen abschließen. Alle vier Maßnahmen sollen im Lippischen realisiert werden, unter anderem in Lemgo, Blomberg und Leopoldshöhe. Zuletzt wurde Ende Mai ein Bürgerradweg in Horn-Bad Meinberg freigegeben.

Darüber freuen sich besonders ortsansässige Firmen wie die KNEHO-LACKE GmbH. „Die Hälfte der 80-köpfigen Belegschaft kommt inzwischen mit dem Rad zur Arbeit“, erzählt Geschäftsführerin Katharina Haack von einer guten Quote. Diese Tatsache schreibt sie zwar nicht allein dem neuen Bürgerradweg zu, sondern auch den gestiegenen Benzinpreisen sowie einem ganz besonderen Angebot. „Wir stellen unseren Angestellten komplett kostenfrei ein Pedelec im Wert bis zu 3.000 Euro zur Verfügung“, wirbt Katharina Haack. Sie weiß, wie schwer es ist, gerade in ländlichen Gegenden Fachpersonal anzulocken und zu binden. Neue Wege entstehen eben nicht nur auf den Straßen, sondern auch in den Köpfen.

 

   

Die aktuelle Ausgabe zum Durchblättern